«Das komprimierte 21. Jahrhundert» ist eine Wendung, die Dario Amodei, CEO von Anthropic, 2024 in seinem Essay «Machines of Loving Grace» geprägt hat. Sie benennt eine bestimmte Hypothese: dass KI-gestützte biologische und wissenschaftliche Forschung ungefähr fünfzig bis hundert Jahre medizinischen Fortschritts auf fünf bis zehn Jahre komprimieren könnte. Die Behauptung lautet nicht, KI werde zaubern oder die Gesetze der Biologie würden sich beugen. Sie lautet, dass ein überraschend grosser Teil der wichtigsten Entdeckungen der Medizingeschichte von einer sehr kleinen Zahl ungewöhnlich fähiger Forschender gemacht wurde — und dass die Folgen für die Gesundheit und die Lebensdauer der Menschen atemberaubend wären, wenn sich das Tempo solcher grundlegenden Entdeckungen spürbar beschleunigen liesse.
Um das Ausmass dieser Behauptung zu erfassen, hilft es, sich vor Augen zu führen, was das 20. Jahrhundert tatsächlich erreicht hat. Impfstoffe gegen Krankheiten, die seit Jahrtausenden Menschen getötet hatten. Antibiotika, die tödliche Infektionen in Unannehmlichkeiten verwandelten. Die Kartierung des menschlichen Genoms. Eine Lebenserwartung, die sich in weiten Teilen der Welt binnen hundert Jahren ungefähr verdoppelte. Die Kompressionsthese fragt: Was, wenn die verbleibende Arbeit — bessere Krebsbehandlungen, echte Fortschritte bei Alzheimer, ein ernsthafter Angriff auf die Biologie des Alterns — nicht Förderzyklus um Förderzyklus, Studie um Studie vorankommen müsste? Was, wenn der begrenzende Faktor nicht die Biologie wäre, sondern die Zahl ausreichend kreativer Forschender, die den richtigen Hypothesen nachgehen? Und was, wenn sich diese Beschränkung aufheben liesse?
Amodei geht mit den Grenzen sorgfältig um. Manche Experimente dauern so lange, wie sie eben dauern: Zellen wachsen in ihrem eigenen Tempo, und keine noch so grosse Intelligenz kann sich über eine physikalische Beschränkung hinwegsetzen. Doch in vielen Bereichen der biologischen Forschung liegt der Engpass nicht im Experiment selbst — er liegt darin, herauszufinden, welches Experiment als Nächstes durchgeführt werden soll. Darin, die verfügbare Literatur zu lesen und zusammenzuführen. Darin, neue Hypothesen zu entwickeln und auf ihre Belastbarkeit zu prüfen. Das sind Aufgaben, bei denen KI-Systeme, die alles lesen können, was je zu einem Thema geschrieben wurde, und in hohem Tempo darüber nachdenken, das Tempo der Entdeckung spürbar beschleunigen könnten. Die Kompression wäre nicht in der ganzen Medizin gleichmässig, aber sie müsste nicht gleichmässig sein, um aussergewöhnlich zu sein.
Für ein breites Publikum ist das komprimierte 21. Jahrhundert ein nützlicher Rahmen, um zu verstehen, was im gegenwärtigen KI-Moment auf dem Spiel steht, ohne es abzutun oder in Katastrophendenken zu verfallen. Es ist eine Aussage darüber, was möglich wird — nicht garantiert, nicht unvermeidlich, aber tatsächlich in Reichweite —, wenn sich die Technologie gut entwickelt und auf die richtigen Probleme gerichtet wird. Die Wendung selbst sollte man im Gedächtnis behalten: nicht, weil sie sicher zutrifft, sondern weil sie genau die Art von Zukunft benennt, die die heutigen Investitionen in KI-Sicherheit und KI-Alignment so wichtig macht. Wenn die Chance real ist, dann verdient gerade die Arbeit an den richtigen Voraussetzungen, um sie zu erreichen, die sorgfältigste Aufmerksamkeit.
