Das Jevons-Paradoxon beschreibt die Beobachtung, dass der Gesamtverbrauch von etwas eher steigt als sinkt, wenn man es effizienter macht. Der Name geht auf den viktorianischen Ökonomen William Stanley Jevons zurück, der 1865 bemerkte, dass die Verbesserungen an der Dampfmaschine — die pro Arbeitseinheit dadurch weit weniger Kohle verbrannte — den Kohleverbrauch in Grossbritannien nicht senkten. Sie liessen ihn explodieren. Billigere, effizientere Maschinen machten es wirtschaftlich, mehr davon zu betreiben, an mehr Orten, für mehr Zwecke. Der Effizienzgewinn erschloss neue Nachfrage, deren Befriedigung zuvor zu teuer gewesen war.

Das Paradoxon taucht in der Wirtschaftsgeschichte verlässlich immer wieder auf. Sparsamere Autos führen zu mehr Fahrten, nicht zu weniger, weil die niedrigeren Kosten pro Kilometer längere Strecken lohnend machen. Effizientere Beleuchtung führt zu heller erleuchteten Gebäuden, nicht zu geringerem Stromverbrauch. In jedem dieser Fälle verkleinert die Effizienzsteigerung den Fussabdruck der Technologie nicht — sie vergrössert ihn, weil sie die Schwelle senkt, ab der es vernünftig wird, mehr davon zu nutzen. Die erwartete Einsparung wird von neuer Aktivität aufgezehrt, statt als Verringerung verbucht zu werden.

Im Zusammenhang mit KI ist das Paradoxon enorm wichtig, wenn man über Arbeit und Produktivität nachdenkt. Die naheliegende Annahme lautet: Wenn KI geistige Arbeit schneller und billiger macht, wird weniger geistige Arbeit von Menschen gebraucht. Jevons' Einsicht legt nahe, dass eher das Gegenteil eintritt: Billigeres und schnelleres Denken wird es wirtschaftlich machen, weit ehrgeizigere Probleme anzugehen, als wir es heute versuchen. Wirkstoffforschung, personalisierte Bildung, Klimamodellierung und psychische Gesundheitsversorgung sind allesamt Bereiche, in denen der Engpass nicht die Vorstellungskraft ist, sondern schlicht die Kosten der nötigen geistigen Arbeit. Beseitigt man diesen Engpass, wächst in der Regel die Nachfrage nach dieser Arbeit — und nach den Menschen, die sie lenken und verfeinern können.

Die praktische Folgerung ist nicht, dass Effizienzsteigerungen schlecht wären oder dass wir uns ihnen widersetzen sollten. Sondern dass die Wirkungen von Effizienz selten in die Richtung laufen, die der gesunde Menschenverstand vorhersagt. Wer argumentiert, KI werde den Bedarf an menschlicher Intelligenz verringern, unterstellt stillschweigend, dass die Gesamtnachfrage nach Intelligenz feststeht. Jevons hat sein Berufsleben damit verbracht zu zeigen, dass diese Annahme fast immer falsch ist. Seit 1865 ist sie nicht richtiger geworden.